Ihren Bildern wohnt ein Zauber inne – im wahrsten Sinne des Wortes…


An starken Orten im Gebirge sammelt sie heilkräftige Blüten, überschüttet diese mit sonnen-beschienenem Gebirgsbachwasser und verrührt die so gewonnenen Blütenessenzen mit den verschiedenen Malmitteln für ihre Farben. Zertrümmerte und mit dem Mörser mehr oder weniger grob gemahlene Edelsteine kombiniert sie mit anderen kostbaren Bildmaterialien wie Lapislazuli, Blattgold und Perlmutt. Im Bild entfaltet sich die Farbenergie oft gemeinsam mit der besonderen Aura von Edelsteinen und anderen Kostbarkeiten. Aufwendig ist auch die Vorbereitung des vielschichtigen Malgrundes, der mit feinem Schmirgelpapier abschließend Glatt poliert wird.


Quelle: Ute Wöllmann, EDITION Akademie für Malerei Berlin, Meisterschülerkatalog Nummer 7, 2010

 

 


 

Heimathaben ist gut“

anlässlich der Eröffnung der Ausstellung von Birgit Ginkel
am 19. April 2012 im wendischen Haus, Cottbus

von Měto Nowak

Mit „Heimathaben ist gut“ ist jene Ausstellung in deutscher Sprache überschrieben, die wir heute eröffnen.

Zunächst einmal möchte ich sagen: „Birgit Ginkel haben ist gut“. Birgit Ginkel lernte ich als sehr engagierte Landtagsreferentin für den Rat für sorbische/wendische Angelegenheiten kennen. Sie gibt uns als Vertreterinnen und Vertretern des sorbischen Volkes in der Landeshauptstadt eine Heimat. Die sie dort nicht nur über die Arbeit schuf sondern beispielsweise auch über das in Eigeninitiative geschaffene einzige sorbischsprachige Türschild im ganzen Landtag. Und da wir sie offenbar nicht so sehr fordern, hat sie glücklicherweise auch genügend Zeit, sich künstlerisch und kreativ zu betätigen. Was lag da näher, als diese Werke auch einmal zu uns in die Lausitz zu holen und sie hier der Öffentlichkeit zu präsentieren?

Heimat haben ist also gut. Hierbei handelt es sich um ein Hesse-Zitat und ich bin ehrlich gesagt kein Hesse-Spezialist. Der Heimatbegriff setzt verschiedenste Assoziationen frei und wohl alle von uns sind schon einmal mit ihm konfrontiert worden. Ich erinnere mich z.B. noch an ein Kolloquium unter der Fragestellung „Heimat - Wozu?“ und nicht zuletzt an ein Buch von Beate Mitzscherlich „Heimat ist etwas, was ich mache“.

In diesem Sinne beziehe ich mich auch lieber auf den sorbischen Ausstellungstitel „Domownja su kórjenje“. Es geht also um Wurzeln. Für die meisten dürfte zunächst einmal das Verwurzeltsein mit der Sicht auf Heimat korrespondieren. Auf der anderen Seite, im Hinblick auf die „gemachte Heimat“ steht aber auch der Prozess des Wurzelnschlagens, des Treibens von Wurzeln, das Aufnehmen von Teilen des Substrats um daraus, damit und darauf zu wachsen, damit zu verschmelzen und etwas zurückzugeben. Ein kreislaufartiger Prozess, zumindest aus meiner Sicht vor dem Hintergrund selbst gemachter Migrationserfahrung.

Und wie sieht nun Birgit Ginkel diese Heimat, unsere Heimat?

Zunächst einmal erkenne ich den Kreislauf, den Prozess, die Wurzeln wieder in dem Motiv des Baumes. Auch für die Künstlerin ist der Baum offenbar ein Symbol all dessen. Der Baum im Kreislauf des Lebens, der den Menschen von der Zeugung in seinem Schatten, über die hölzerne Wiege bis zum Sarg und dem Grab in seinem Schatten im Lebenszyklus begleitet und ohne dessen Sauerstoff das Leben für uns auch nicht möglich wäre. Auf der anderen Seite als eigenes Lebewesen ebenfalls jenem Zyklus unterworfen, der ihn am Lebensende auch schon mal in einen Braunkohleflöz verschlagen kann, von wo er hier bei uns leider oft wieder aufersteht, um noch eine weitere Runde zu drehen. Andererseits symbolisieren gerade auch Bäume spezifische Heimat: Denken wir nur an unsere Linde, unsere Eiche, unsere Kiefer. Oder deren Linde, deren Eiche, deren Kiefer?

Gibt Birgit Ginkel als Außenstehende uns Einblick in ihre Heimat oder eine Perspektive auf unsere? Wie so oft lautet die Antwort „sowohl als auch“. Die ursprüngliche Idee für diese Ausstellung war meines Wissens „dies und jenes mit Sagenfiguren“ - eine klassische Annäherung an die wendische Lausitz. Und so sehen wir auch unseren Schlangenkönig, der diesmal seine Krone als Kleid trägt und können wir nicht auch den auftauchenden Wassermann erahnen? Sein Reich wird uns auch aus der Vogelperspektive gezeigt - oder sind dies nicht die Fließe des Spreewaldes? Zeigt bereits eine solche Assoziation der wasserblauen, mal natürlich wilden, mal künstlich geraden Linien bereits eine Verwurzelung in der spreewaldnahen Niederlausitz an? Erkennen wir uns und unsere Heimat in der Interpretation der Anderen oder interpretieren wir die anderen immer aus unseren Heimaten heraus? Ist es zu weit her geholt, dieses Bilderpaar als Vorher-nachher-Paar der „heimatlichen“ Braunkohle zu interpretieren: Links das Landkarten gleiche nebeneinander von rosanen Siedlungsflächen und grünem Wald und rechts die offen liegende, leere Kohlegrube mit den letzten - oder ersten? - Waldinseln eines zukünftigen Sees?

Birgit Ginkel eröffnet jedoch auch einen völlig anderen, sinnlichen Zugang zur Lausitzer Heimat: Sie ging hier vor Ort auf die Suche, packte Teile unserer Heimat in Tütchen, Kästchen und Päckchen, trug sie in ihr Atelier und verarbeitete sie neu. Und so sehen wir hier Werke, die da bestehen beispielsweise aus Lausitzer Ocker, Lausitzer Braunkohle, Quarzsand und Forster Glasbruch. Das Kupfer ist noch nicht aus der Lausitz - deutet sich dort aber nicht bereits eine Zukunft an? Und sind mit diesen Materialien nicht auch die Ambivalenzen unserer Heimat gut aufgenommen: Die Lohn und Brot gebende, auf natürlichen Ressourcen beruhende Industrie, die doch gleichzeitig das sie tragende Fundament untergräbt, Menschen entwurzelt und Heimat an konkreten Orten verunmöglicht? Jedoch zeigen uns gerade die bereits zu Bruch gegangene Glasindustrie und die demnächst hoffentlich verrauchende Braunkohleindustrie, dass auch dieses Menschen gemachte Kreisläufen unterliegt und endlich ist - und was kommt dann? Gekappte Wurzeln, neue Setzlinge, neue Heimatlose, neue Heimaten, hier wie dort? Man möchte es fühlen, hat aber gleichzeitig Angst, die fragil anmutende Heimat zu zerbröseln und auszulöschen. Und was könnte dies besser darstellen, als Birgit Ginkels so plastische Kunst? Bröseln Sie nicht zu viel und löschen Sie nichts aus. Aber betrachten Sie diese einzigartige Kunst, nehmen Sie die Energie auf und fahren Sie fort, Ihre eigenen Wurzeln zu schlagen: „Domownja su kórjenje“.

 

 


 

 

Auszug aus der Rede zur Ausstellungseröffnung
Ute Wöllmann und Birgit Ginkel
„rose-coloured times“ in der Galerie ROOT, 18. August 2011

Von Michaela Nolte

Womit wir zu Birgit Ginkel kommen, die an der Akademie für Malerei studiert hat und 2010 von Ute Wöllmann zur Meisterschülerin ernannt wurde.

Wie eine Sammlung seltener Gesteinssedimente mutet die Wandarbeit im Eingangsraum an, die Papiere in den Kastenrahmen wie Felsen en miniature. Birgit Ginkel nennt ihre neue Serie: "Kostbar an Farben, | pelz- und samtbesetzt, | Juwelenschillernd – schweben sie einher". Gedichtzeilen aus Hermann Hesses "Schmetterling im Spätsommer". Kostbar sind diese Papiere, schon weil sie in aufwändigen Verfahren von Hand geschöpft sind. Auch die Pigmente, mit denen Birgit Ginkel den Papieren ihre Farben und Strukturen verleiht, werden zumeist von ihr selbst pulverisiert. Aus Mineralen und Edelsteinen, die sie bisweilen auf ihren Reisen findet. In Frankreich, Italien oder ihrem bevorzugten Sammelort: dem Großglockner in den Hohen Tauern der Zentralalpen.

Rosenquarz oder rosa Turmalin, Orangen- oder Feuercalcit. Was man auf Wanderungen halt in die Tasche stecken kann. Amethysten, Karneole oder Magnetite sind der Stoff, aus dem Birgit Ginkels Kunst entsteht; blaues Lapislazuli vereint sie mit erdigem Braun und leuchtendem Blattkupfer, Bleikristalle oder Apatit, Tauernglimmer oder Schwefel, Anreicherungen mit Pflanzenfarben oder Löwenzahnsamen werden zur alchemistischen Versuchsanordnung.

Aber nicht nur das gemahlene Pigment, auch der ursprüngliche Stein kommt zum Einsatz. Natürlich selbst zerkleinert. Womit die Malerin immer mal wieder an ihre Anfänge in der Bildhauerei anknüpft. Die Gesteinsbröckchen geben dem Papier eine bisweilen massiv wirkende Textur, eingearbeiteter Bergkristall oder Blattkupfer lassen es funkeln und glitzern. Auf einem Hintergrund aus 23-karätigem Gold schwebt dunkelviolett glänzend Magnetit.

Das Herstellen der Pigmente und Papiere gehört für Birgit Ginkel zum Arbeitsprozess dazu. Durch das handwerkliche Vorgehen kommt sie den inneren Schichten eines Feuercalcits oder Rhodochrosits auf die Spur. Formt aus winzigen Partikeln von Siliziumcalcit Spiralen, die in ihrem schwarzen Funkeln an Spiralgalaxien erinnern.

Die Art und Weise, wie Birgit Ginkel diese mal kraftvolle, mal zart wirkende Materialität herausarbeitet, hat zugleich auch etwas Immaterielles und verweist mithin auf eine Tradition des Mittelalters. In ihrem Buch „Das Material in der Kunst“ schreibt die Hamburger Kunsthistorikerin Monika Wagner:

„In der Mittelalterlichen Kunst agierten lichtempfindliche Materialien wie Glas, Edelsteine oder Gold als Mittler zwischen dem Diesseits und einem immateriellen Jenseits.“

Es ist diese Verbindung zwischen unserem Dasein und dem Tod, zwischen Weltlichkeit und den elysischen oder himmlischen Gefilden, die Birgit Ginkel in ihren Arbeiten auslotet und bewusst einsetzt, für die Dinge, die über das l’art pour l’art hinausgehen. Die Materialien haben für die Künstlerin immer auch eine heilende Wirkung. Nun mag die Heilkraft im Kunstkontext etwas suspekt, gar anrüchig erscheinen. Doch beruft sich Birgit Ginkel auf ein berühmtes Vorbild.

Es war Joseph Beuys, der sein Kunstschaffen als eine Art Medizin verstand, die zur Selbstheilung anregen soll. Der Arzt und Sammler Axel Hinrich Murken hat dem Thema „Beuys und die Medizin“ ein Buch gewidmet, in dem er den Künstler mit den Worten zitiert: „Ich würde sagen: was ich praktiziere, ist ohne weiteres auf die Welt der Medizin zu übertragen“.

Die heilende Wirkung ihrer - wie Birgit Ginkel augenzwinkernd sagt: „Tabletten“ unterstreicht sie mit Wortbotschaften. Geheime Mitteilungen und Wünsche, die sie den Bildern einschreibt, um sie anschließend mit Rosenquarz oder rosa Turmalin, mit Gold oder Silber zu überlagern. Wie in der Serie "Vergeistigt und gelichtet zu jenem süßen Zauberton" (aus Hermann Hesses "Höhe des Sommers"). Bisweilen sind die Wortbotschaften aber auch gänzlich in den Papierschöpfungen aufgelöst. Ihre Wirkung entfalten sie im Verborgenen.

Erlauben Sie mir abschließend einen Blick in den kleinen Raum zu werfen, in dem Birgit Ginkel einen Muschel-Himmel geschaffen hat. Ordnung und Chaos wechseln sich ab – gerade so, wie in der freien Natur. Wo Muscheln übrigens ganz ähnliche Fäden und Verzwirbelungen bilden wie in der Installation „Oft winkt er dir golden aus dem Dunkel her“ (aus Hermann Hesses „Das Glasperlenspiel“). An den Fäden erzeugen die mit Blattgold, -silber oder -kupfer ausgeschlagenen Kalkschalen einen bezaubernden Klang. Man darf den Raum betreten und sich in jeder Hinsicht vorsichtig berühren lassen.

Und! Gegen eine Spende können Sie eine Muschel einem Menschen widmen. Das kann jemand sein, der Ihnen nahe steht oder aber eine Person der Öffentlichkeit. Die größte, perlmutterne Schnecke ist allerdings bereits vergeben. Sie ist dem kürzlich verstorbenen Maler Cy Twombly gewidmet. Eine andere Muschel trägt den Namen des Sängers Rio Reiser. Sie sehe, der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt und es sind noch einige der insgesamt 900 Muscheln, Austern und Schnecken übrig.

Die Höhe der Spende sollte sich nicht zuletzt an der Größe der Muschel orientieren. Denn der Raum- und Klangkörper dient einem guten Zweck. Ein Teil des Geldes kommt einer Kinderstiftung zugute, und wenn alle Muscheln Paten gefunden haben, wird Birgit Ginkel die Installation einer Institution stiften, die mit Kindern arbeitet.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lassen Sie mich - nun wirklich zum Ende kommend - Ute Wöllmann für ihre malerischen Naturereignisse danken und Birgit Ginkel für ihre „Denksteine“, die (frei nach Goethe) „um und um gewendet werden müssen.“

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche einen anregenden Abend und „rose-coloured times“.

Lothar Romain „Die Struktur der Farbe“ in: Ralph Fleck „Unterwegs“, S. 5, Galerie von Braunbehrens, München, 2001.

Monika Wagner „Das Material in der Kunst. Eine andere Geschichte der Moderne“, S. 293, Verlag C. H. Beck, München, 2001.

Axel Hinrich Murken „Beuys und die Medizin“, S. 44, Coppenrath Verlag, Münster, 1979.

Johann Wolfgang Goethe in einem Brief an Boisserée, zitiert nach: Henning Ritter „Notizhefte“, S. 38, Bloomsbury Verlag, Berlin, 2010, 8. Auflage 2011.